Cantaloop Hamburg

Wochenende Deluxe

Noch liegt sie still und dunkel da, die Altonaer Friedenskirche. Mitten im Kiez, durch den Nieselregenschleier kaum zu erahnen. Die Dösigkeit eines trüben Samstagvormittags. Aber dann bemerkt der aufmerksame Beobachter, wie sich aus allen Ecken Gestalten nähern, bepackt mit Kleidersäcken und Kuchenformen, leise vor sich hinsummend, die dem ehrwürdigen Gemäuer nach und nach Leben einhauchen. Die Tische rücken, Stühle schleppen, Technik aufbauen und Kaffee kochen. Weil würdige Anlässe würdige Rahmen verdienen. Und ein Konzertwochenende unter dem Motto A Cappella Deluxe eben auch ein paar Annehmlichkeiten für die Gäste.
Nachdem der Glühwein heiß ist und die Lichterkette leuchtet, klopfen unsere ersten Gäste an.

Die rund 30 Sangeskünstler*innen von Pop Up, dem Pop- und Jazzchor der Hochschule für Musik Detmold unter Leitung der fabelhaften Anne Kohler hatten am Vortag noch ein Konzert in der Heimat gesungen und setzen im rot-schwarzen Outfit durchaus adventliche Akzente. Wir schälen uns derweil in Blau-Weis-Silber-Grau und nehmen den Hinweis in unserem Probenraum sehr ernst, der da an einem Tasteninstrument klebt: „Das Klavier darf nicht verrückt werden!“ Richtig so. Wer will schon ein verrücktes Klavier? Es soll den einen oder die andere von uns geben, die dem Instrument im Laufe des Tages immer wieder beruhigend zuredet, es werde bestimmt alles gut.
Und es wird gut. Und wie! Nicht nur, dass die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt ist – es liegen auch ganz viele positive Schwingungen in der Luft. Etwas besseres kann man sich für einen Auftritt kaum wünschen! Und so geht uns unser Konzertprogramm, bestehend aus weltlichen Neuigkeiten und weihnachtlichen Klassikern, ein ganzes Stück leichter von der Hand. Zum Abschluss von Halbzeit eins wird es dann beseelt: Es ist ein Ros´entsprungen gemeinsam mit Pop Up von den seitlichen Emporen. Es ist (sicher nicht nur für uns) wunderschön!
Nach der Pause schweben dann die Pop Ups auf die Bühne – und machen uns Zuschauer glücklich. Die Präzision, der Klang, der Rhythmus: Das geht durch und durch und durch! Spätestens bei der Detmolder Version von Get lucky hält es uns nicht mehr auf den Stühlen. Alles in allem: Phantastisch! Ein gemeinsames World for Christmas setzt einen feinen Schlusspunkt.

Singen macht hungrig. Wie gut, dass unser wieder einmal perfekt organisiertes und organisierendes Organisations-Kommitee „mal eben“ einen kulinarischen Ort mit gut 60 Plätzen aufgetan hat. Und das mitten in der Weihhnachtsfeier-Saison und in Fußweite! Nach dem Konzert macht die „Pop-Up-Loopie“-Fraktion beinahe geschlossen einen Kurztrip nach Indien und wird von Kathrin und Team perfekt umsorgt! (Liebe Kathrin, wir drücken Euch die Daumen, dass ihr noch lange an diesem schönen Ort bleiben könnt!) Ein kleines „Ping-Pong-Konzert“ im Anschluss an Samosas und Pakoras lassen wir uns nicht nehmen, bevor zu fortgerückter Stunde hanseatisch-ostwestfälische Grüppchen entweder auf den Kiez oder zu den Nachtlagern aufbrechen, die quer über Hamburg verteilt aufgeschlagen werden. Die Bande zwischen HH und NRW sind nach diesem Abend ein ganzes Stück enger geknüpft!
Während Pop Up am Folgetag zum nächsten Auftritt in Richtung Rotenburg/Wümme entschwindet, ist der nächste preisgekrönte Chor schon im Anmarsch. Aus dem „weit entfernten“ Hannover angereist sind die Vivid Voices, beheimatet an der dortigen Hochschule für Musik, Theater und Medien und angeführt von der ungemein charmanten Claudia Burghard. Was für ein Luxus, dass wir heute gleich in den nächsten Genuss kommen! Schließlich vibriert es ganz gehörig, wenn die „Vivids“ unterwegs sind. Davon können auch wir uns auch an diesem Nachmittag überzeugen – und mit uns ein wiederum ausverkauftes Haus. Der Chor verwandelt komplexe Klänge mit unerhörter Leichtigkeit in Geschichten und ist mit musikalischer Wucht in vielen Regionen der Welt zu Hause. So etwas nennt man ein Gesamtkunstwerk! Zum Ende des zweiten Konzertteils wird es noch einmal besonders rhythmisch. Rund 90 Sänger*innen bodyperformen in norddeutscher Eintracht zu Bring me little water, Silvy und beschließen den Abend mit einem namibischen Circle-Song. Glückshormone in Serienproduktion.
Wer hat eigentlich bestimmt, dass man aufhören soll, wenn es am Schönsten ist?